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Usability World 2007: Der zweite Tag

Mit einer Panel – Diskussion zum Thema Design vs. Usability ging gestern der zweite und letzte Tag der Usability World 2007 zu Ende. Dieser Diskussion fehlte meiner Meinung nach leider der rote Faden etwas, interessante Statements waren aber durchaus dabei. Zusammenfassend kann man vielleicht sagen dass von den Teilnehmern, die sich u.a. aus Tim Bosenick (SirValUse), Hartmut Esslinger (ehem. frog design) und Clemens Lutsch (Microsoft Deutschland, Blog hier) zusammensetzten kein wirklicher Widerspruch zwischen Design und Usability geortet wurde.

Das iPhone

Über das momentan wohl meist getestete und analysierte Gadget wurde am Vormittag diskutiert. Gavin Lew von User Centric stellte einen Teil seiner kontroversiellen Untersuchungen zum iPhone vor. Aufgrund des großen Umfangs konnte er nicht die komplette Studie zum iPhone bringen und beschränkte sich deshalb auf die Ergebnisse zur Texteingabe. Näheres zu dieser Studie kann man übrigens hier nachlesen. Die Aussage kurz zusammengefasst: User die vorher mit QWERTY – Tastaturen gearbeitet haben (Blackberry, Palm, ...) kommen mit der Touchscreen – Tastatur des iPhones schlechter zurecht (bezogen auf Geschwindigkeit und Fehlerhäufigkeit).
Meine Meinung dazu: Die Ergebnisse sind nachvollziehbar, aber ich denke dass man die Erfahrung die ein User mit dem iPhone macht nicht alleine auf Zahlen und Fehlerhäufigkeiten reduzieren kann (und schon gar nicht auf die Tastatureingabe alleine, das war allerdings eben ein Problem der begrenzten Vortragszeit). Nichtsdestotrotz gibt die Studie sicherlich Hinweise auf verbesserungsfähige Details beim iPhone. Überhaupt scheinen Touchscreen – Interfaces (und besonders Multitouch – Screen Interfaces) momentan im Zentrum vieler Untersuchungen zu stehen. Auch bei der bereits erwähnten Panel – Diskussion gab es einige Wortmeldungen hierzu.

Der Guru

Und nach Gavin Lew kam Jakob Nielsen. Seine Präsentation kurz zusammengefasst: Nielsen war Nielsen. Wer seine Alertboxes kennt für den waren viele Inhalte der Keynote nichts Neues. Er hat sich auf E-Commerce – Websites konzentriert und eine Formel vorgestellt nach der Revenue = Visitors x Conversion Rate x Customer Loyalty ist. Die ersten beiden Aspekte (Visitors auf der Website und Conversion Rate) sieht er als meist einfach zu erreichende Ziele an. Besonders bei großen Firmen im E-Commerce und E-Banking – Bereich sind laut Nielsen bereits eigene Usability – Abteilungen etabliert und achten auf die Erfüllung dieser beiden Kennwerte. Bei Customer Loyalty sieht noch anders aus, hier liegt laut Nielsen noch viel Potenzial, allerdings ist auch die Messung dieses Aspektes schwierig.

Stimmt alles, keine Frage. Allerdings ist mir im weiteren Verlauf seines Vortrags auch hier wieder sein Weigerung aufgefallen, auf neue Trends im Web einzugehen. Er reduziert alles auf Effizienz im Kaufprozess. Zwar war auch eine Folie dem Thema Web 2.0 gewidmet, seine Meinung dazu war aber, dass User Generated Content nicht dazu beiträgt, den Umsatz einer Website zu erhöhen, und deshalb im besten Fall nicht störend ist (“maybe 20% good”). Auf Geschäftsmodelle die mit Werbung arbeiten, und deren Ziel es ist, möglichst viel über die User zu erfahren (um etwa zielgruppenrelevante Ads platzieren zu können, siehe etwa Facebook) ist er nicht eingegangen. Wikis bezeichnet er gar als “nur nützlich für firmeninterne Info – Management – Systeme”. Die Wikipedia sei zwar populär (high popularity), weise aber eine geringe usefulness auf. Ähem. Erstens schießt er dabei meiner Meinung nach über das Thema Usability hinaus (usefulness???). Zweitens: Was, wenn nicht ein hoher Bekanntheitsgrad/Nutzungsgrad, weist auf eine gute “usefulness” hin? Wer entscheidet, was eine “nützliche” Website ist? Nielsens Begründung für diese Bewertung: Dass viele Autoren an einem Artikel arbeiten führt zwar dazu, dass nach und nach alle Fehler in diesem Artikel ausgebessert werden. Es führt aber andererseits nicht automatisch dazu, dass diese Texte auch hervorragend werden. Da stimme ich natürlich zu, allerdings suche ich in einem Nachschlagewerk auch nicht primär nach einem einzigartigen Schreibstil (das hat er meiner Meinung nach gemeint), sondern nach Informationen. Dass sich der Gebrauch der Wikipedia etwa für wissenschaftliches Arbeiten verbietet ist wiederum eine andere Sache.

Schade dass sich ihm diese Themen so gar nicht erschließen. Er hätte sicherlich viel dazu zu sagen (alleine der Editiermodus von vielen Wikis ist eine Wissenschaft für sich und würde nach Usability – Evaluierungen förmlich schreien!).
Mein Eindruck von Nielsen war letztendlich der, dass er das Web (zumindest in seiner Beratungstätigkeit) nur als Anhäufung von Shops sieht. Dass Menschen auch Grundbedürfnisse wie Selbstdarstellung oder Unterhaltung (Blogs, Wikis, MySpace, Facebook, Youtube, ...) haben und dafür bereit sind, eingeblendete Werbung in Kauf zu nehmen, ist für ihn anscheinend nur eine merkwürdige Nebenerscheinung. Schade. Vielleicht lässt sich dieser Eindruck aber auch dadurch begründen, dass sich Nielsen in dieser Präsentation hauptsächlich auf E – Commerce – Sites beschränkt hat. Interessant und spannend war der Vortrag aber natürlich trotzdem, und Nielsen hat in der Vergangenheit auch viel dazu beigetragen, dass das Thema Usability heute überhaupt diesen hohen Stellenwert in vielen Firmen genießt.

Bei Oliver gibt’s übrigens auch noch einen detaillierten Bericht zum 2. Tag. Da steht auch drin warum Jakob Nielsen meine MySpace – Frage (und die Fragen von vier anderen Gewinnern) doch (noch?) nicht beantwortet hat. Ebenfalls einen ausführlichen Bericht haben Yves (beim Thema “Stühle” bin ich voll bei ihm …) und Stefan zusammengestellt.

Fazit

Alles in allem war die Usability World 2007 eine schöne Veranstaltung in einer interessanten Location und ich konnte viele Informationen und Anregungen mitnehmen. Und es war auch nett, Stefan, Oliver, Yves und Jörn kennen zulernen. Alle haben sich als interessante Gesprächspartner herausgestellt. Hamburg war die Reise definitiv wert.

Jakob Nielsen bei seinem Vortrag auf der Usability World 2007

Jakob Nielsen auf der Usability World 2007

(Stefan Nitzsche hat übrigens auch noch ein paar nette Fotos von der Veranstaltung auf flickr gepostet)

Kleiner, aber nicht unbedeutender Nachtrag:
Soeben habe ich gesehen dass Oliver einen sechsminütigen Videomitschnitt von Nielsens Vortrag auf sevenload.de gepostet hat.


Link: sevenload.com

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